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Berlin 15:08 - Tehran 16:38 - Los Angeles 06:08 Samstag, 04.02.2012
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OMID NOURIPOUR ANTWORTET SHERRY
"Du und ich werden den Vogel der Morgenröte fliegen sehen"


(Von Omid Nouripour für Iran-Now)


Iran-Now:
Omid Nouripour wurde am 8. Dezember 2002 auf der Bundesdelegiertenkonferenz in Hannover in den Bundesvorstand von Bündnis 90 / Die Grünen gewählt. Im August 2005 gab er Iran-Now ein Interview, in dem er als der erste Iraner vorgestellt worden ist, der die Chance hatte, in den deutschen Bundestag einzuziehen. In diesem folgenden persönlichen, dennoch öffentlichen Briefwechsel mit Sherry bezieht er sich auf ihren Artikel "Vom gescheiterten Versuch, iranisch zu sein: Wer sind wir?" und versucht mit ihr zusammen eine Antwort zu finden.



Wer sind wir?


Liebe Sherry,

früher ging es, musste es bei uns immer um Exil, Nostalgie und Rückkehrträume gehen. Alles andere war Verrat, alles andere war verwestlicht. Du aber stellst eine Frage, die all diese Konventionen erschüttert. Du fragst nicht, wann wir zurückgehen. Du fragst nicht einmal, ob wir zurückwollen. Du fragst: „Wer sind wir?“ Damit nimmst Du in Kauf, dass eine Antwort kommen kann, die alle Verbindungen zur „alten Heimat“ negiert. „Wer sind wir?“ lässt Raum für alle Antworten.



„Ich sehne mich so nach meinen Tränen. Wo ist sie, Mutter, wo ist meine Wiege? Jene Wiege, die ich längst vergessen habe, jene wahrhaftige und reine Geborgenheit...“ (Googoosh in „Gahvare“)


„Now I'd like that. But that shit ain't the truth. The truth is you're the weak.“ (Samuel L. Jackson in „Pulp Fiction“)

„...Sag mir nicht, dass ich jetzt erwachsen bin, Mutter. Sag mir nicht, dass das Weinen sich deshalb für mich nicht geziemt .“ (Googoosh in „Gahvare“)



Und dafür bin ich Dir dankbar, auch wenn ich eine solche Antwort nicht geben will. Denn einen Aufbruch in die Normalität kann es nicht geben, wenn wir uns unsere Identitätsfrage nicht stellen.. Eine Normalität, in der wir auf den Iran als ein Land schauen, das mehr ist als unsere "vergessene Wiege". Und bei dessen Anblick wir mehr spüren als Schmerz und Schuldgefühle. Bei der wir das Land nicht verteidigen, wenn wir nicht sollten, es aber nicht aufgeben, weil wir uns dafür schämen. Und bei der wir uns, auf alte Wurzeln gestützt, trotzdem auf das hiesige Land, auf Deutschland einlassen können.

Ich sehe mich gern als einen aufgeklärten, postmodernen Kosmopoliten. Denn so fällt es mir leicht, eine Snob-Antwort zu geben auf Deine Frage: Wer sind wir?

Ist es denn wichtig? Sind wir nicht alle Menschen? Sind denn Verbundenheitsgefühle zu einem Land, zu einem Volk, zu einer Nation, zu einer Glaubensgemeinschaft, zu einer Stadt, zu einem Fußballverein nichts anderes als Konstrukte, die uns nur von den anderen abgrenzen sollen? Haben wir denn nicht zuviel „wir und sie“, und zuwenig „wir“?

Das kann alles stimmen, ist aber nicht das, was ich fühle. Hätte ich denn sonst einen Weinkrampf erlitten, als ich erfuhr, Shirin Ebadi bekomme den Nobelpreis? Überall sonst gibt es auch respektable Frauenrechtlerinnen. Hätte es mir sonst das Herz gebrochen, als Sina Motallebi verhaftet wurde? In China ist die Internetzensur viel brachialer als im Iran. Hätte ich sonst einen Herzstillstand gehabt, als Ali Karimi 2001 beim WM-Relegationsspiel in Dublin kurz vor dem Ende knapp vorbeiköpfte? Miroslav Klose köpft täglich vorbei, meistens nicht einmal knapp.

Nun gut, ich bin Iraner. Ich bin in Teheran geboren und dort aufgewachsen. Ich habe viele Verwandte dort und noch mehr Erinnerungen. Die meisten sind verklärt, Iran ist mein persönliches Phantom, meine Fata Morgana. Alles, was mir hier in der Wüste fehlt, gibt es in dieser eingebildeten Oase: Herzlichkeit, Spiritualität, Gastfreundschaft, Trauben, die nicht nach Wasser schmecken, Tiefgang.

Moment: ich bin Deutscher, dafür habe ich gekämpft – neun Jahre lang auf Amtsfluren. Ich liebe meine Heimatstadt Frankfurt. Ich habe hier alle meine Freunde und noch mehr Erinnerungen. Und eigentlich geht es mir gut, denn: schaue ich mich um, ist das gar keine Wüste, sondern ein Ort von Freiheit, Wohlstand und Behagen. Absolut zu wenig, relativ sehr viel. Telefoniere ich mit den Verwandten, beneiden sie mich um die hiesigen Autos, um die Sauberkeit der Straßen, um die Freizügigkeit, um die U-Bahn, um die Karikaturen in den Zeitungen, eigentlich um alles.



„Ein Mann beschließt, den perfekten Würfel zu bauen. Er besorgt sich eine Menge Elfenbein. Er sägt und schleift, er misst und verwirft, er poliert und zertrümmert. Und nach Jahren der Mühe hat er den perfekten Würfel geschaffen. Freudig stellt er sich auf die Straße, der Würfel vor sich, davor ein gut sichtbares Schild mit der Aufschrift ‚der perfekte Würfel‘. Schließlich will er die Menschen teilhaben lassen an seinem endgültigen Werk.

Die Menschen aber beachten ihn nicht. Sie gehen einfach vorbei, die wenigsten würdigen den Würfel eines Blickes, bevor sie gelangweilt und schulterzuckend weiterziehen. Wochen, Monate vergehen, und niemand interessiert sich für das Lebenswerk des Mannes. Frustriert wirft er den Würfel gegen die Wand und zieht von dannen.

Beim Aufprall bricht eine kleine Ecke des Würfels ab. So liegt der nicht mehr perfekte Würfel am Straßenrand, bis ihn ein Kind entdeckt. Es bleibt mit großen traurigen Augen davor stehen und starrt ihn an. Nach und nach kommen immer mehr Menschen dazu. Und bald steht eine große Menschentraube am Straßenrand und richtet die Blicke auf das gebrochene Werk des Mannes. Und sie alle schauen mit einem Gefühl der Trauer und Sehnsucht auf den Würfel und hegen denselben Gedanken: ‚Ein so schön gearbeiteter Würfel. Schade nur, dass eine Ecke fehlt, sonst wäre er perfekt‘“. (Eine Geschichte aus Rumänien)



Bin ich nur undankbar, wenn ich mich nach meiner alten Heimat sehne? Ich bin eher verzweifelt. Sag Du es mir, liebe Sherry: Welche Nationalhymne ist denn unsere gemeinsame? Und welche Flagge ist für uns die iranische?

Ich gehöre zu der Spezies, die der Meinung ist, dass die Revolution richtig und notwendig war. Die Rückkehr der Monarchie wäre das letzte, was ich mir für den Iran wünschte. In meiner Iran-Flagge haben Löwe und Sonne nichts zu suchen. Ich habe in der zweiten Klasse gern den Gottesnamen mit dem Schwert in der Mitte gemalt. Ich wusste, das ist die Flagge meines Landes. Heute weiß ich: Das ist sie nicht mehr.

Ich habe eine solche Flagge zuhause. Ich habe sie mir von meinem Taschengeld gekauft, 1989, vor dem entscheidenden WM-Qualifikationsspiel gegen Saudi-Arabien. Ich hörte das Spiel im Radio, freute mich über alle Tore von Nader Mohammadkhani, war traurig, dass es am Ende nicht reichte. Dann kam ein Freund meines Vaters zu Besuch und war empört, dass ich die Flagge des Regimes („Partschame Hesbollahiha“) aufgehängt habe. Mit Tränen in den Augen bat er mich, dies nie wieder zu tun. Später erfuhr ich, dass sein alter Vater auf der Straße von Revolutionswächtern erschossen worden war.

Grünweißrot allein aber wird permanent mit Italien, Ungarn oder Mexiko verwechselt. Liebe Sherry, wir haben nicht einmal eine Flagge! Mit der Hymne ist es ähnlich. Die neue kenne ich nicht einmal – und so ist es in Ordnung. Die der Frühzeit der Revolution beginnt mit



„So ist die islamische Revolution auferstanden
und gibt uns Glauben und Leben...“



Also auch nichts für mich. Die der Dynastie interessiert mich nicht, ich habe mit den Pahlavis wie gesagt nichts am Hut. Bleibt nur noch der „Vogel der Morgenröte“, jenes Lied der konstitutionellen Revolution Anfang des zwanzigsten Jahrhundert. Nur: wer kennt dieses Lied schon noch? Ich habe nicht einmal eine Nationalhymne. Oder verfalle ich gerade in Selbstmitleid, weil mich das Vertrauen in andere Iraner verlassen hat, wie Du es beschreibst?

Nur Iraner sein und in Selbstmitleid versinken ist einfach. Nur Deutscher sein und die Wurzeln kappen ist ebenfalls einfach – bis die nächste „einheimische“ Großmutter einen Kulturschock bekommt, weil „Du Ausländer“ ihr die Tür am Kaufhaus aufgehalten hast. Der große deutsche Schriftsteller Feridun Zaimoglu spricht gern von „hybriden Identitäten“. Das ist nicht mehr ganz so einfach. Aber die „Hybriden“ sind pünktlich und haben trotzdem Tiefgang. Ich will nicht Iran-Deutscher sein. Ich bin Iraner. Ich bin Deutscher.

Schaue ich mir an, wo Du unsere Identität suchst, dann fällt mir auf, dass Du in die Vergangenheit und in die Gegenwart blickst. An der Vergangenheit klammernd, an der Gegenwart verzweifelnd. Dein Blick in Zukunft aber ist resigniert, optimistisch, und vor allem vage:



Sherry: „Ich sitze hier und werde mir dessen bewusst, dass selbst, wenn alles optimal liefe, kein Krieg stattfände, die lieben Mullahs ihre Turbane einpacken und für immer Urlaub in Dubai oder sonst wo machen würden und unser junges Volk einen erdpulsierenden Freudenschrei ausstoßen würde, sich vom dunklen Schleier auf der Seele befreien und dann noch die WM gewinnen würde - selbst dann, liebe Leser, selbst dann hätten wir noch soviel zu tun, dass wir Iran nicht mehr wirklich blühen sehen könnten. Aber wir könnten wenigstens dafür sorgen, dass unsere Kinder es dürfen.“



Ich bin in meinem Umfeld nicht für meinen Optimismus bekannt. Ich schwöre Dir aber beim heiligen Abbas von Kalbarlah, der für die Kinder der Seinen nur Wasser besorgen wollte, bei Mazdaks schönem Kadaver, den Anushiravan „der Gerechte“ monatelang am Stadttor hängen ließ, beim Atem Shariatis, der im heutigen Iran ein politischer Gefangener wäre, beim Gesang der „Hamsafar“: Du und ich werden den Vogel der Morgenröte fliegen sehen, und sei es als Zuschauer in den deutschen Fernsehnachrichten. Dies ist nicht mein Glaube, tief in mir weiß ich es. Lass uns den Gedanken an diesen Augenblick kultivieren als unsere Identität.


Beste Grüße,
Omid Nouripour


© Iran-Now Redaktion (Von Omid Nouripour)
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Veröffentlicht:
Montag, 24.04.2006 , 17:10 Uhr
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